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  • Autorenbildjomana.markau

Der Gnadenhof für Schweine auf Irland

Nachdem ich die Schweiz und das Leben auf dem Bio-Bauernhof in vollen Zügen genossen hatte, wollte ich das Ende des Sommers im Norden Europas ausklingen lassen. Besonders Island hatte es mir angetan und ich setzte alles daran, einen Platz als Volontär auf der Insel im Norden zu ergattern. Leider ohne Erfolg - die spärlich ausgeschriebenen Plätze auf den Bauernhöfen waren hart umkämpft. Es sollte wohl einfach nicht sein. Als Volontär schreibt man allerlei Bewerbungen, erhält allerlei Absagen und muss daher seine Reiseroute oftmals umplanen. Daher ist es am besten, wenn man sich nicht allzu fest an seinen ursprünglichen Plan klammert und einen Plan B oder C parat hält. Island ist zum Glück nicht das einzige schöne Fleckchen in Nordeuropa - meine Suche wurde spontan auf Irland, Schweden und Norwegen ausgeweitet. Das Prozedere ging wieder von vorne los und Bewerbungen wurden rausgeschickt. Diesmal mit Erfolg. Ein ziemlich außergewöhnlicher Bauernhof auf Irland gab mir grünes Licht: ein Gnadenhof für Schweine. Nun hatte ich bereits mit so vielen verschiedenen Tieren zusammengearbeitet, da war ich recht zuversichtlich, dass ich auch mit ein paar Schweinchen zurechtkommen würde. Obwohl ich zugeben muss, dass sich ein Gnadenhof für Schweine zunächst sehr speziell anhörte. Aber ich freute mich auf die neue Herausforderung und war bereit, ein neues Land zu erkunden.


Als ich Anfang September in Dublin landete, hielt ich mich nicht weiter in der Hauptstadt Irlands auf und suchte mir direkt einen Bus, der mich in die Nähe der Farm befördern würde. Die erste Lektion, die ich bei meiner Ankunft lernte: Die irischen Metropolen waren durch den öffentlichen Nah- und Fernverkehr untereinander gut vernetzt. Wenn man jedoch, wie ich aufs Land wollte, wurde es einem ziemlich schwer gemacht. Die Farm lag mitten im Herzen der Insel, wo Busse oder Bahnen nur selten oder gar nicht hinfuhren. Darum sah mein Reiseplan wie folgt aus: einsteigen, aussteigen, warten, umsteigen, aussteigen, warten, einsteigen, umsteigen, warten. Drei Stunden später war ich am Ziel angekommen. Naja, fast. Die Bushaltestelle war immerhin nochmals eine 15-minütige Autofahrt zur Farm entfernt. Eine nette Mitarbeiterin der Farm holte mich von der besagten Bushaltestelle ab und dann war es geschafft - ich hatte die Schweinchenfarm erreicht. Mir wurde erklärt, dass mittlerweile rund 80 Schweine hier lebten. Ein paar Esel und Pferde gab es auch.


Alle Tiere wurden aus prekären Situationen gerettet. Von verwahrlosten Streichelzoos über misshandelnde Privatpersonen bis hin zu Schlachthöfen. Es wurden mir die grausigsten Geschichten erzählt. Ein wenig bekannt kam es mir vor - ähnliche Schicksale ereilten die Pferde auf dem Gnadenhof in Frankreich, den ich vor ein paar Monaten besucht hatte. Lest hier gerne noch mal in den Blogbeitrag rein. Es war also wieder ziemlich viel Arbeit und Liebe nötig, um den Tieren ein schönes restliches Leben zu bieten. Das hat sich auch die Gründerin der Farm als Ziel gesetzt und eine ganze Mannschaft an Tierfreunden um sich geschart, um den Tieren die Aufmerksamkeit geben zu können, die sie brauchen. Drei fest angestellte Mitarbeiter und rund 10 Volontäre waren auf der Farm tätig. Eine so große Gruppe an Volontären waren wir bisher auf noch keinem anderen Farm Stay. Ehrlich gesagt freute ich mich richtig darauf, so viele neue Volontäre kennenzulernen, denn aus meiner Erfahrung heraus teilt man meist ziemlich viele Gemeinsamkeiten mit den Leuten, die es an einen derart speziellen Ort verschlägt.


Kaum war ich angekommen, wurde ich von einer anderen Volontärin über die Farm geführt. Und naja … wie soll ich sagen. Ich hatte so meine Bedenken. Während wir unsere Runde drehten, erhielten alle Schweine ihr Abendbrot. Und während die Schweine fröhlich schmatzend ihre Mahlzeit genossen, fühlten sich ein paar kleine Freunde eingeladen, das Abendessen mit ihnen zu teilen. Mit kleinen Freunden meine ich Ratten. Als ich vorsichtig nachfragte, ob die Nager denn Teil des Inventars wären, wurde meine Frage bejaht. Sie seien auf der ganzen Farm verteilt. Ok, kein Thema - versuchte ich mir einzureden. Doch in meinem Kopf spielten sich direkt Szenarien ab, wo sich Ratten des Nachts in mein Zimmer oder noch schlimmer in mein Bett verirrten. Nein, nein, nein! Den Gedanken verdrängte ich direkt wieder. Aber im Inneren war ich ein wenig nervös und ehrlich gesagt auch angeekelt. Das sollte man als Tierfreund nicht sagen, ich weiß. Aber Ratten sind leider einfach nicht meine liebsten Lebewesen. Ich versuchte mich zu sammeln und dachte mir, dass sich alle anderen ja auch nicht so anstellten. Ist vielleicht nur Gewöhnungssache. Doch will man sich an ein Zusammenleben mit Ratten gewöhnen? Nein, aber man kann sie ignorieren und so tun, als würden sie nicht existieren. Immerhin war das drei Wochen lang meine Taktik und ich kann behaupten, dass ich es unbeschadet überlebt habe.

Süßer als Ratten: kleine Ferkel.

Generell gab es einiges, wo ich mich erst einmal einfinden musste. Hatte ich mich anfangs über die große Gruppe an Volontären gefreut, so wurde mir schnell bewusst, dass sich die Leute bereits miteinander angefreundet und gefunden hatten. Es fiel mir zu Beginn nicht so leicht wie gedacht, mich in die bereits bestehende Gruppe zu integrieren. Es wurde mit haufenweise Insidern und Namen, die ich noch nie gehört hatte, um sich geworfen. Wieder einmal dachte ich mir: wird schon. Klar ist man nicht von Stunde null mit allen dickste Freunde, aber es ist ein sehr seltsames Gefühl, als Neuling in eine so vertraute Gruppe an Leuten zu kommen. Ehrlich gesagt habe ich mich nie als introvertierter Mensch wahrgenommen, aber solche Situationen stellen mich nach wie vor auf die Probe. Es braucht schließlich immer viel Selbstbewusstsein, Energie und Mut, sich komplett fremden Menschen gegenüber zu öffnen. Wissentlich, dass man sich nach drei Wochen wahrscheinlich nie wieder sehen wird. Aber am Ende hat es sich bisher immer gelohnt, sich auf die Menschen einzulassen, selbst wenn man sich nie wieder sehen sollte. Die gemeinsame Zeit und die schönen Erinnerungen bewahrt man schließlich ein Leben lang.

Nach gut einer Woche fühlte ich mich auf der Farm und mit den Leuten um mich herum pudelwohl. Es war eine sehr lustige, internationale Gruppe. Vertreten waren Australien, USA, Frankreich, Irland und Deutschland. Dass der Großteil der Volontäre aus Deutschland kam, überraschte mich nicht. Das war ich bereits von anderen Farm Stays gewöhnt. Mittlerweile war ich bei meinen Reisen im Ausland folgende ernüchternde Reaktion gewohnt, wenn es zur Nachfrage um meine Herkunft kam: „Ah, another German“ Ja! Tut mir doch leeeeid! Zumindest mein Name kommt aus dem Libanon. Stößt jedoch auf mehr Verwirrung als auf Bewunderung. Und nein, ich bin nicht Germana aus Germany, wie oftmals missverstanden wird. Jedenfalls war das Zusammenleben sehr harmonisch. Wir wurden von der Inhaberin der Farm mit Lebensmitteln versorgt, kochen mussten wir selbst.

Bei so vielen Leuten war es angebracht, einen Plan zu entwerfen, wer wann kocht und abwäscht. Auch wenn ich gern koche, so war es eine Herausforderung für bis zu 12 Leute ein Essen zuzubereiten - noch unbeliebter war das Abwaschen. Da meldete ich mich bereitwillig für den Kochdienst. Glücklicherweise kamen meine Kochkünste gut an, sodass ich öfter hinter dem Herd als der Spüle stand.

Wer denkt, dass es abends auf einer abgelegenen Farm ruhig und gediegen zugeht, der hat die Rechnung ohne 10 aufgedrehte Volontäre gemacht. Das Abendprogramm war stets sehr angeheitert. Trinkspiele, Lagerfeuer, tanzen oder mein Favorit: 40 Minuten zum nächsten Pub laufen, um dort per Jukebox die drei alten irischen Stammgäste wachzurütteln - ein paar Guinness und etliche Tanzeinlagen später wieder nach Hause torkeln. Am nächsten Tag, ob Kater oder nicht, wurde natürlich wieder ordentlich auf der Farm angepackt.


Das bringt mich zum eigentlichen Teil meiner Reise: der Arbeit mit den Schweinchen. Jeder Volontär war gemeinsam mit etwa zwei anderen Volontären für einen eigenen Bereich der Farm zuständig. Mein Team und ich waren für rund 20 Schweinchen und den anfangs erwähnten Pferden und Eseln zuständig. Besonders wenn es am Morgen um die Fütterung ging, war Eile geboten. Alle Schweine verlangten lauthals nach ihrem Frühstück. Lies man sich zu viel Zeit, könnten sie aggressiv oder futterneidisch werden.

Also dalli dalli! Anfangs hatte ich ein paar Berührungsängste mit den Schweinen, weil ich zuvor noch nie mit ihnen gearbeitet hatte. Glücklicherweise hatte die Farm alle Schweine in ein bestimmtes Farbschema aufgeteilt, wodurch es leicht zu unterscheiden war, bei welchen Tieren wir besonders vorsichtig sein mussten oder mit welchen wir ohne Weiteres kuscheln konnten.


  • green pigs: kuscheln

  • orange pigs: achtsam kuscheln

  • red pigs: nicht kuscheln


Besonders ein Schwein war der absolute Star der Farm: Mable! Mit ihrem unverwechselbaren Aussehen hatte sie es allen Volontären angetan. Wir konnten uns nie ganz einigen, ob sie mehr dem Ex-U.S. Präsidenten Donald Trump oder dem Schauspieler Philip Seymour Hoffman ähnelte. Weitere Vergleiche nehme ich dankend an.

Mable aka. Donald Trump.

An meinen freien Tagen unternahm ich gern kleine Kurztrips in verschiedene Ecken Irlands. Mein persönliches Highlight war das süße Küstenstädtchen Galway! Hier wird die Pubkultur gelebt. Wenn man in einem übervollen Pub den alten Herren beim Geschichtenerzählen und musizieren zuhörte, überkam einen sofort ein gutes Gefühl. Die Stimmung war immer ausgelassen und herzlich. Vielleicht hinkt der Vergleich, aber es erinnerte mich an die durchzechten Nächte der Hobbits im Green Dragon. Ich habe es geliebt! Läuft man durch die verwinkelte Stadt, so sieht man an jeder Ecke einen Straßenmusiker, der sein Glück versucht, entdeckt zu werden. Außerdem ist Galway ein super Startpunkt für einen Abstecher zu der Attraktion Irlands: den Cliffs of Moher. Eine beeindruckende Klippenformation im Westen der Insel. Wer das Beste aus dem Ausflug zu den Steilklippen machen will, dem empfehle ich von dem Dorf Doolin aus die malerische Wanderung entlang der Küste zu wagen. Nach rund zwei Stunden hat man einen tollen Ausblick auf die Cliffs of Moher. Da es nicht unüblich ist, dass in Irland vier Jahreszeiten an einem Tag vorkommen, muss man etwas Glück haben, was das Wetter angeht. Regenjacke einpacken, dann passt’s!

An alle da draußen, die es nicht abwarten können, mit irischen Schweinchen zu arbeiten, den möchte ich den Hinweis geben, dass der Gnadenhof ständig neue Volontäre sucht. Schaut mal auf deren Website vorbei, wo ihr ein Kontaktformular ausfüllen und euer überschwängliches Interesse bekunden könnt: https://www.mylovelyhorserescue.com/volunteer.html


Keine Zeit für ein Volontariat? Spenden werden auch ständig benötigt. Den Link dazu platziere ich mal hier: https://www.mylovelyhorserescue.com/donate.html




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